AA-DACH, die Zeitschrift der deutschsprachigen "Anonymen Alkoholiker" erscheint monatlich und kann ausschließlich über unser gemeinsames Dienstbüro in Deutschland bezogen werden. Die Bestelladresse finden Sie am Ende dieses Artikels.

In AA-DACH werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht. Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Die kommenden Monatsthemen finden Sie hier: externer Link

"Frohsinn und Lachen"
lautete das Monatsthema der Ausgabe vom November 2021.

Als Leseprobe aus dieser Ausgabe haben wir folgenden Artikel ausgewählt:

Unbeschwertes Lachen musste ich erst lernen

Man ist sich oft gar nicht bewusst, wie lange man braucht, um gewisse Dinge wieder unbeschwert tun zu können.

Wenn ich zurückdenke an gewisse Situationen, war ich in all meinem Tun völlig eingeengt. Durch meinen Mangel an Selbstwertschätzung war ich in vielen Situationen total unsicher. In der Öffentlichkeit gab ich besonders acht, nur nicht auffallen, auch nicht was Falsches tun oder sagen, ich könnte doch ausgelacht oder gar verspottet werden. Durch diese Unsicherheiten zog ich mich innerlich völlig zurück, ich wollte in der Gesellschaft nicht auffallen.

Erst der Alkohol half mir dann, wenn ich ein gewisses Quantum hatte, diese Barrieren abzubauen. Da ich aber schnell vom Alkohol abhängig wurde, kippte dieses Verhalten auch wieder sehr schnell und dann war wieder diese Leere in mir, es fehlte mir eben ein geistig-spirituelles Denken.

Das Trinken zu lassen habe ich sogar auch alleine öfters geschafft, doch nur das Trinken zu lassen ist eben zu wenig. Diese Erfahrung habe ich in den vielen Jahren, in denen ich dies versuchte, immer wieder gemacht, ja sogar noch, als ich das erste Mal in der Gruppe das Trinken lassen konnte. Diese Haltung war eben ein Normalzustand für mich.

An eine solche trockene Phase kann ich mich noch gut erinnern. Ich war auf einer Hochzeit eingeladen und etwas Langweiligeres habe ich selten erlebt. Heute weiß ich, dass ich ohne Alkohol nicht frei war, zu reden, mich zu benehmen oder gar mich am Leben zu erfreuen, auch nicht an dieser Hochzeit.

Heute habe ich mich durch meine fleißigen Gruppenbesuche und auch durch viele Dienste wieder zu einem einigermaßen selbstbewussten Menschen entwickelt. An Diskussionen, ganz welcher Art, beteilige ich mich heute gerne, manchmal auch zu gerne. Es hat sich ein neuer Horizont aufgetan und mich hungrig nach Wissen und Erfahrungen gemacht.

Heute kann ich meine Meinung sagen, sie vertreten und dazu stehen oder auch einsehen, dass ich falsch liege. Heute habe ich durch die vielen Jahre, in denen ich geistig stillstand, einen unheimlichen Nachholbedarf in mir. Allerdings ist dies nicht immer das Beste für mich, denn manchmal entwickelt sich dabei in mir ein fast süchtiges Verhalten.

Ich bin heute gerne unter Leuten und führe dabei ein frohes, unbeschwertes Leben. Wie zum Beispiel morgens beim Kaffeeklatsch, bei dem es manchmal sehr ernst, manchmal aber auch sehr lustig zugehen kann. Die Diskussionen entwickeln sich dabei oft sehr heftig, doch auch das Corona-Gejammere kann dabei meine Lebenslust nicht stoppen.

Schön ist es auch, wenn ich mit jungen Leuten zusammenkomme. Der gedankliche Austausch mit ihnen erzeugt in mir oft ein tiefes, dankbares Gefühl, wenn ich ihre Lebenslust zu spüren glaube. Dass ich ohne den Flaschengeist eine solche innerliche Freiheit einmal würde erlangen können, war für mich unvorstellbar gewesen.

Dazu wird meine Lebenslust auch mit zunehmendem Alter immer stärker. Manchmal habe ich wirklich Angst, dass das Leben zu kurz sei, um meine „Weisheiten“ und Erfahrungen weitergeben zu können.

Meine Spiritualität bedeutet dabei aber nicht, dass ich ein Heiliger bin oder es werden möchte, nein, ich versuche nur, eine positive Haltung auszustrahlen und dies der Gesellschaft zu vermitteln.

Dazu gehört auch, dass ich mich oft auch etwas zurückziehe, um nachzuforschen, was ich richtig oder auch falsch gemacht habe oder was mir nicht oder auch gut gelungen ist. Dieser Rückzug in eine geistige Haltung gibt mir dann auch die Kraft, zu erkennen, wo ich wieder etwas übertrieben habe oder gar in mein altes Verhalten abgerutscht bin und hilft mir dabei, mich zu bessern.

Schon vor meiner Trinkerzeit wollte ich so eine geistige Freiheit besitzen.

Erst durch das Vertiefen in den Schritten fand ich den Schlüssel zu einer besseren Lebensqualität.

Heute weiß ich, dass nur ein positives Vorleben etwas bewegen kann und nicht Belehrungen, denn solche konnte auch ich nie vertragen und tue dies auch heute noch nicht.

Ich bezeichne es als ein Wunder, dass ich so eine Lebensqualität auch ohne Alkohol geschenkt bekommen habe.

Ich wünsche euch allen deshalb einen gesunden Lebensgeist in innerlicher Freiheit!

Martin, Südtirol

 

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