AA-DACH, die Zeitschrift der deutschsprachigen "Anonymen Alkoholiker" erscheint monatlich und kann ausschließlich über unser gemeinsames Dienstbüro in Deutschland bezogen werden. Die Bestelladresse finden Sie am Ende dieses Artikels.

DACH Cover 19 11

In AA-DACH werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht. Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Die kommenden Monatsthemen finden Sie hier: externer Link

"Erwachsen werden "
lautete das Monatsthema der Ausgabe vom November 2019.

Als Leseprobe haben wir für Sie einen Artikel zum diesem Monatsthema ausgewählt:

 

Nur für heute statt Carpe Diem

In AA heißt es ja, das eigentliche Alter sei das der Jahre der Trockenheit, entweder ab der Geburt oder ab dem Alter, als das Trinken anfing. Bei mir mit gut zehn Jahren Abstinenz wäre ich so gesehen jetzt zehn Jahre alt bzw. etwa 24. Von der Reife her komme ich mir manchmal wie 24 vor. Von der Lebenserfahrung her fühle ich mich oft im Seniorenheim wohl. Und von der körperlichen Fitness liege ich vielleicht bei 50. Mein Alter laut Personalien ist 47.

Bei einem Vortrag hörte ich von einem US-amerikanischen Wissenschaftler, dass sich das menschliche Gehirn bis zum Alter von 21 Jahren entwickelt. (Auch im Rudolf-Steiner-College lernte ich, erst dann sei die Persönlichkeit ausgereift.) Wer vorher Alkohol missbraucht und/oder Drogen nimmt, schadet seinen Frontallappen im Gehirn, die für Planung inklusive Bedenken von Konsequenzen zuständig sind. Als Teenager erlebte ich bereits eine heftige Trinkzeit. Für ein bis zwei Jahre war ich fast jeden Tag blau und/oder bekifft. Es fällt mir schwer, gemachte Pläne (welche ich gern aufstelle) einzuhalten. Auch war es mir lange eine schelmische Freude, wenn es hieß: „Das kannst du nicht machen!“, zu antworten: „I just did. Hab's g'rad getan.“ Vermutlich habe ich damals schon eine Menge zerstört.

In der Themenvorgabe wird Erwachsensein gleichgesetzt mit „für eigene Worte und Taten voll verantwortlich zu sein“. Verantwortung für mich kommt mir vor wie ein Kruzifix für einen Vampir. Zwar bestellte mich ein Amtsgericht zur ehrenamtlichen Betreuerin meines Vaters (80), der in einem sehr guten Seniorenheim lebt, aber darüber hinaus bin ich kinderlos, hatte noch nie ein Auto (trotz Führerschein), hatte erst eine feste Stelle (Teilzeit), sonst Jobs, Praktika, Ehrenämter und ich arbeitete selbständig. Ich turne so durchs Leben. Erwachsen komme ich mir dabei nicht vor, stattdessen oft wie ein Kind.

Es soll gesund sein, ab und zu seine kindliche Seite auszuleben; dagegen sei kindisches Verhalten abzulehnen. Eine Ärztin erwähnte in einem Gutachten meine „naive Offenheit“ zu Mitmenschen. Ich habe einige meiner Tagebücher weitgehend im Selbstverlag veröffentlicht. Vielleicht nahm sie dies mit zur Kenntnis für ihre Diagnose. Ist es verantwortungslos, so viel von sich preiszugeben? Die Informationen über andere kläre ich mit ihnen vorab, um ethisch korrekt vorzugehen. Dennoch: Fehlt mir da der innere gesunde Erwachsene, der sagt, „Sei lieber vorsichtig!“?

In der Schematherapie bei meiner Psychologin galt es als Ziel, den gesunden Erwachsenen und das gesunde innere Kind zu stärken, um schädliche Bewältigungsstile (Überkompensation, Unterwerfung und Vermeidung) zu reduzieren, wobei zum Beispiel der fordernde und strafende Erwachsene sowie das impulsive und undisziplinierte Kind zurückgestellt werden sollen. Ich machte mir eine doppelseitige Liste mit Merkmalen für den gesunden Erwachsenen. Spontan guckte ich drauf, wählte eine Zeile aus und versuchte, an dem Tag darauf zu achten.

In der Abizeitung 1992 wurde mein Motto zitiert: „Sag und tu, was du willst.“ Das erinnert mich an die Analogie, die ich bei AA gehört habe: Beim Trinken ist es so, als ob man Auto fährt und lauter Müll stets hinter sich auf die Rückbank wirft; wenn man nüchtern wird, fliegt einem abrupt, wie bei einer Vollbremsung, der Müll nach vorn; in der Genesung ist man dabei, den Müll nach und nach durchzugehen und zu entsorgen. Bei diesem Bild bleibend wäre Erwachsensein ein sauberes Auto, oder? Jedenfalls hilft AA, die Grundpflege des Wagens im Auge zu behalten.

Das weiterentwickelte Motto könnte heißen: „Entscheide weise, was du sagst und tust, denn du bist dafür verantwortlich.“ Demnach bin ich nicht gerade erwachsen ... Naja, hier und da habe ich in AA gelernt: „Listen and learn“ („Höre und zu lerne“) statt selbst loszureden. Auch: „Keep an open mind“ („Sei offen für Neues“) und „How important is it?“ („Wie wichtig ist es?“), um andere Sichtweisen und Möglichkeiten kennenzulernen und ggf. etwas loszulassen, falls es nicht wert ist, daran mit infantilem Theater festzuhalten.

Wie sieht es aus mit „Carpe diem“ („Lebe den Tag“)? Das war mir früher wichtig und unterstrich meine „Nach mir die Sintflut“-Lebensweise. Heute denke ich: „Just for today“ („Nur für heute“). Sagen und tun, was ich wollte, ohne Berücksichtigung der Konsequenzen, dabei das Glück von morgen gegen hohe Zinsen borgen versus für heute das Richtige tun, für heute trocken sein und möglichst im AA-Programm leben. Oh, da merke ich, dass ich in AA doch ein gutes Stück erwachsen geworden bin.

Die Fragen „Wer bin ich?“, „Was kann ich?“ und „Was will ich?“ habe ich mir auch in meinen wilden Zeiten gestellt. Ich stelle mir sie nach wie vor. Früher war ich eine Frau, die eifrig so viel wie Männer trank, die stolz eine Menge vertragen konnte und die gern noch mehr „feiern“ wollte. Mir gefielen Action, Drama und Intensität. Jetzt bin ich eine, die durch AA Ruhe, Gelassenheit und Seelenruhe zu schätzen gelernt hat. Vorher schaute ich: Was kann ich bekommen? (Kind?) Durch AA schaue ich eher: Was kann ich geben? (Erwachsener?)

Im Meeting hörte ich, die Beziehung mit einem Partner sei die „Königsdisziplin“. Erst vor Kurzem erkannte ich für mich, dass es nicht darum geht, die vollkommene Liebe/den idealen Partner zu finden, denn so etwas scheint es nicht zu geben, sondern dass es darauf ankommt, mit jemandem gemeinsam Probleme lösen zu können. An die absolute Sicherheit habe ich eh nicht geglaubt, hatte stets lauter Zweifel, aber um ein beruhigendes Gefühl von Sicherheit zu bekommen, vertraue ich meiner Höheren Macht, einer liebevollen Kraft. Auch das habe ich in AA gelernt.

Ich war früher und bin heute noch an der Wahrheit interessiert. Anderes erscheint mir Zeit- und Energieverschwendung zu sein. Ich liebe aufrichtiges Lob, schätze konstruktive Kritik.

Wie ginge ich mit ständigem Beifall um? Ich gebe zu, dass ich das gern erleben möchte, auch, wenn es unheimlich wäre – wie Wetter mit surrealem Wind, der nur noch von einer Seite kommen würde.

Sonja, Itzehoe

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