AA-DACH, die Zeitschrift der deutschsprachigen "Anonymen Alkoholiker" erscheint monatlich und kann ausschließlich über unser gemeinsames Dienstbüro in Deutschland bezogen werden. Die Bestelladresse finden Sie am Ende dieses Artikels.

DACH Cover 19 06

In AA-DACH werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht. Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Die kommenden Monatsthemen finden Sie hier: externer Link

"Zorn und Groll"
lautete das Monatsthema der Ausgabe vom Juni 2019.

Als Leseprobe haben wir für Sie einen Artikel zum diesem Monatsthema ausgewählt:

 

O wie gut, dass niemand weiß, …

 

… dass ich Rumpelstilzchen heiß!

Mein Name ist Ingrid, ich bin eine fröhlich vor mich hin genesende Alkoholikerin! Erst vor Kurzem sagte ein AA-Freund nach dem Meeting zu mir, dass ich „magmatisch“ sei, weil in mir unterirdisch immer Magma brodeln würde, ich also eine ganz tiefliegende Bereitschaft zum Zornesausbruch hätte. Ich fürchte, er hat recht! Immer wieder spüre ich die heiße Lava in mir aufsteigen, oft kann ich aber heutzutage die Eruption hintanhalten! Jederzeit gelingt das natürlich nicht, aber ich arbeite daran!

Die Sache mit dem Groll habe ich verstanden

Als ich in AA ankam, hatte ich keine Ahnung, was es mit Groll auf sich hatte. Natürlich kannte ich das Wort, aber es war für mich ohne Bedeutung! Aus den Wortmeldungen der Freunde erkannte ich, dass Groll eine immer wieder am Köcheln gehaltene Wut ist, so, als würde ich das Gulasch andauernd auf Sparflamme über eine lange Zeit weiterkochen lassen. Damit wird auch klar, dass kein Platz mehr auf der Kochplatte ist, wenn der eine Topf (aber vielleicht auch mehrere) immer eine heiße Platte braucht. Ich wäre dann so fokussiert auf den einen Topf, dass für nichts anderes mehr Raum bliebe. Außerdem gehört dann mein Augenmerk nur der Vergangenheit, für das Hier und Jetzt bleibt kein Platz. So wird auch das Gefühl der Bitterkeit in mir nicht entrümpelt, weggeputzt und aufgearbeitet. Da ist es dann auch verständlich, warum der Groll als „Missetäter Nummer eins“ im Blauen Buch beschrieben wird. Inzwischen habe ich mit meiner Vergangenheit Frieden geschlossen und brauche nicht mehr darüber nachzugrübeln, was war, vor allem nicht darüber, wer schuld daran war! Ich muss daher auch nicht die alten Kränkungen am Leben erhalten, ich kann mich ganz auf das Heute konzentrieren! Nur für heute!

Aber – da bleibt immer noch der Zorn!

Ohnmacht erzeugt Wut in mir

Schon als Kind habe ich die Hilflosigkeit dem Alkohol gegenüber durch meinen Vater kennengelernt. Immer wieder ging ich mit ihm am Sonntag die Zeitung holen, immer wieder landeten wir im Gasthaus, er mit ein, zwei Viertel Wein, ich mit einem Paar Frankfurter (Wiener Würstchen) – die erzeugen bei mir heute noch Übelkeit! Selbst heute ist es oft so, dass Machtlosigkeit in mir Zorn erzeugt. Ich kann immer noch nicht gut mit Situationen umgehen, die ich nicht ändern kann. Und weil mir das Abfinden mit nicht „geliebten“ Ereignissen so schwer fällt, habe ich für mich den Gelassenheitsspruch in „Annehmen“ abgeändert. Das klingt für mich aktiver als die Ohnmacht des Hinnehmens. Trotzdem ist meine erste Reaktion oft: „Heast, das kannst du mit mir nicht machen!“ („Heast“ = „He, du da“ nenne ich ja zurzeit meine Höhere Kraft!) Bin neugierig, wie oft ich noch das Gelassenheitsgebet sprechen werde müssen, bis ich Annehmen und Gott Überlassen gelernt haben werde!

Grübeln in der Vergangenheit tut mir nicht gut

In so „Durchhänger-Zeiten“ tauchen immer wieder Gedanken auf, in denen sich die eine oder andere Begebenheit aus meiner Vergangenheit ins Bewusstsein durchkämpft. Kämpfen ist nicht das richtige Wort, ich habe ja die Tür zu meiner Vergangenheit gar nicht voll zugeschlagen. Ich denke, so nostalgische Momente sind schon in Ordnung. Für mich bedeutet das aber, dass ich sofort reagieren möchte: Ich will mir nicht erlauben, wieder in das gute alte Selbstmitleid zu verfallen oder die alten vermeintlichen Kränkungen, die damals passiert sind, erneut zu empfinden. Da spüre ich die Wut brennend in mir aufsteigen. Da hilft nur eines: Blitzinventur! Sofort versuche ich zu ergründen, wodurch diese „alten“ Gedanken, die manchmal wie Nessie aus Loch Ness auftauchen, herkommen. Meist finde ich dann ganz schnell den Anlass: ein Wort, das als Auslöser dient, ein Geruch, der anregend wirkt, eine Situation, die ich als Déjà-vu empfinde, … Ich darf dann meist recht flott erkennen, dass ich heute ganz besonders auf mich aufpassen muss, wenn ich so empfindlich reagiere! Sowie ich zu denken beginne, bin auch wieder auf der sicheren Seite und muss nicht übertrieben reagieren.

Selbstgerechtigkeit fördert meinen Zorn

Menschen mit übersteigertem Selbstbewusstsein, die sich noch dazu darüber im Klaren sind, wie gut sie das eine oder andere meistern, bringen mich auf die Palme! Wahrscheinlich ist das so, weil mein Selbstwert ein kleines, zartes, empfindliches Pflänzchen ist, das sich selten an die Oberfläche wagt. Ich wirke wohl oft so, als wüsste ich genau, was ich da tue oder was da zu tun ist, innerlich schaut das aber ganz anders aus! Der Vorteil dieser Unsicherheit ist natürlich, dass ich gerne im Team arbeite, dass mir die „Mitarbeiter“ unglaublich wichtig sind, weil sie mich inspirieren und mitreißen können. Aber offensichtlich hält mein Ego so einen „aufgeblasenen“ Spiegel nicht ohne emotionale Reaktion aus! Ich merke auch immer gleich, wenn jemand auf einem Ego-Trip ist und spüre sofort meinen inneren Grant. Meist reagiere ich dann mit Sarkasmus – das tut mir auch nicht gut.

Ich versuche schon, alle meine Aufgaben gut zu erledigen, vergesse aber auch nie, dass, was immer ich tue, ich sicherlich nicht am besten kann! Auf die Idee käme ich gar nicht. Da fällt mir immer „Hochmut kommt vor dem Fall!“ ein. Und fallen möchte ich nicht mehr, ich möchte auch nicht mehr stolpern! Besonders in AA bin ich da sehr empfindlich. Ich kann also die besonders guten Sponsoren und Sponsorinnen, die besonders eifrigen betrauten Diener und Dienerinnen, die ihre „Werke“ auch immer an die große Glocke hängen, die „Weisen“, die das Programm schon mit dem Schöpflöffel (= Kelle) in sich hineingeschaufelt haben, die Belesenen, die jederzeit ein Zitat aus dem Blauen Buch parat haben usw. nicht besonders gut aushalten! Da rufe ich mir dann die Toleranz und das Wohlwollen in unserem Programm ins Gedächtnis! Manchmal hilft es nur mehr, in Demut darum zu bitten, diesen Charakterfehler von mir zu nehmen. Meist fallen mir meine Wertungen rechtzeitig auf und ich muss über meine (ver-)urteilenden Gedanken herzlich lachen!

Scheinheiligkeit bringt mich zum Kochen

Seit meinem ersten Meeting in AA lege ich größten Wert auf Ehrlichkeit. Die Wahrheit zu sagen, die Echtheit zu leben, zeugt von Respekt und Achtung meinen Freundinnen und Freunden und den Verwandten gegenüber. Wenn ich einmal wirklich keine Auskunft über mein momentanes Befinden geben will, sage ich ehrlich, dass ich heute nicht reden will – kommt eh selten genug vor. Meist bin ich bereit, über alles zu sprechen. Mit „Smalltalk“ habe ich allerdings meine Schwierigkeiten. Da fehlen mir immer öfter die Worte!

Auf meinem Kasten in meiner früheren Dienststelle hatte ich einen ganz weisen Spruch groß ausgedruckt und aufgehängt: „Wer urteilt, der kann irren. Wer liebt, irrt nie!“ (Ebner-Eschenbach). Tatsächlich leben kann ich das nicht konsequent. Ich glaube, ein gutes Gespür für Unwahrheiten zu haben, ich erkenne Lügen recht bald und muss mir offensichtlich von allem, was ich höre und erlebe, sofort ein Bild machen. Ich beobachte viel, mir fallen Kleinigkeiten auf, oft aber muss ich auch vieles bewerten und irgendwie beurteilen. Wenn ich dann denke, dass jemand sich scheinheilig benimmt, ach so demütig und gefestigt im Programm ist, dann kann ich nachempfinden, warum Herakles den Fluss durch die Ställe des Augias leiten musste. Bin ich froh, dass mir nicht die Blitze des Zeus zur Verfügung stehen!

Es beruhigt mich immer wieder, dass ich da in ein Lebensprogramm geraten bin – ich darf täglich üben, egal, wie alt ich werde!

Ingrid, Wien

 

… und wenn Sie wissen wollen, wie es der Verfasserin weiter ergangen ist, dann abonnieren Sie doch einfach diese Zeitschrift!

Die Bestelladresse für unsere Monatszeitschrift AA-DACH lautet: 

Anonyme Alkoholiker Interessengemeinschaft
Literaturvertrieb
Postfach 11 51
84122 Dingolfing
Deutschland

Es sind auch Bestellungen per Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! unter Angabe des Namens und der Zustelladresse (bitte kein Postfach) möglich.

Die Zusendung erfolgt in einem undurchsichtigen Kuvert mit dem neutralen Absender "Literaturversand".

Der Preis beträgt 2,25 € pro Exemplar zuzüglich Versandkosten.