AA-DACH, die Zeitschrift der deutschsprachigen "Anonymen Alkoholiker" erscheint monatlich und kann ausschließlich über unser gemeinsames Dienstbüro in Deutschland bezogen werden. Die Bestelladresse finden Sie am Ende dieses Artikels.

DACH Cover 19 05

In AA-DACH werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht. Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Die kommenden Monatsthemen finden Sie hier: externer Link

"Wohin mit meiner Scham?"
lautete das Monatsthema der Ausgabe vom Mai 2019.

Als Leseprobe haben wir für Sie einen Artikel zum diesem Monatsthema ausgewählt:

 

Meine Gefühlswelt war ein einziges Chaos

Als ich noch trinken musste, soff ich mich in eine innere Scheinwelt hinein, die nicht viel mit der Realität zu tun hatte. Ich versuchte in mir eine Person zu finden, die ich damals gern gewesen wäre. Meine Idealvorstellungen von dieser Person waren sehr weit oben angesiedelt: Sie musste ohne Fehler, gerecht, vorbildlich, immer glücklich sein, von allen geliebt werden, usw. Umso mehr ich versuchte, diesen Vorstellungen nachzujagen, desto mehr entfernte ich mich von dem, der ich wirklich war. Bis ich mich selbst fast ganz verlor. Die äußere, reale Welt hatte ebenfalls nicht mehr viel mit der zu tun, die ich zu finden hoffte. Alle um mich herum wollten nur das Schlechte für mich, ich konnte ihnen nicht trauen. Ich sah die Welt wie durch einen grauen Schleier, alles, was ich noch wahrnahm war negativ geprägt. Ich fühlte mich elend und musste immer mehr trinken, um das Leben, das ich damals führte, und mich selber überhaupt noch ertragen zu können. Ich trank mich irgendwann an einen Punkt, an dem es für mich immer schwerer wurde, die existierende Realität und meine Träume zu unterscheiden. Ich wusste es oft selbst nicht mehr: Hatte ich die Ereignisse, an die ich mich noch erinnern konnte, nur geträumt oder real erlebt? Ich konnte mir selbst nicht mehr vertrauen und ich bekam Angst vor mir selbst und Panik davor, langsam verrückt zu werden.

Meine Trockenheit ohne Rückfall war ein Geschenk Gottes, aber kein leicht auszuhaltendes. Besonders in der ersten Trockenzeit mochte ich mich nicht im Spiegel ansehen. Meine Gefühlswelt war ein einziges Chaos. Ich konnte meine Gefühle nicht einordnen, sie machten mir Angst. Sie drohten mich zu überrollen, wenn sie sich meldeten. Es dauerte Jahre der Trockenheit, bis ich zu vertrauen lernte, dass nicht jedes auftauchende Gefühl gleich einen „Kontrollverlust“ auslöste. Irgendwann konnte ich mir im Spiegel dann sogar zulächeln.

Heute kann ich meine Emotionen viel besser einordnen und aushalten. Früher waren die in mir aufsteigenden Gefühle meine Feinde, gegen die ich kämpfen musste. Inzwischen sind aus diesen Feinden Freunde geworden. Emotionen sind heute für mich Nachrichten meiner genesenden Seele, sie kommen aus meiner „inneren Welt“. Sie sind grundsätzlich weder negativ noch positiv. Sie zeigen mir, wer und wie ich wirklich bin, sie helfen mir, mich selbst zu finden. Jedes meiner Gefühle, das auftaucht, hat ein Recht zu „leben“, es hat mir etwas „zu sagen“. Ich kann es für mich nutzen oder auch nicht. Es gibt darunter welche, die ich vielleicht noch nicht so gut aushalten kann, aber ich befinde mich auf dem Weg, es zu lernen.

Solch eine für mich noch schwer auszuhaltende Emotion, die ich auch heute noch öfters wahrnehme, ist das Schamgefühl. In letzter Zeit erinnere und erlebe ich gehäuft Situationen, die dieses Gefühl in mir auslösen. Der weitaus größere Teil davon ist schon vergangenen Ereignissen zuzuordnen. Sich zu wünschen, zu verschwinden, nicht mehr existent zu sein und aus der Situation innerlich auszusteigen, sich von sich selber trennen zu wollen ist nicht gerade angenehm. Doch meine Erfahrung zeigt mir: Der größte Fehler, den ich machen könnte, wäre, dieses Gefühl wieder in das Loch hineinstopfen zu wollen, aus dem es kommt. Alles, was ich verdränge, meldet sich irgendwann zurück. Der bessere Weg ist es für mich, dieses Schamgefühl auszuhalten, mich kurz in mich zurückzuziehen und es mitzuteilen. In dem Moment, in dem mir dies gelingt, egal ob in schriftlicher, mündlicher, künstlerischer oder auch in Gebetsform, verliert dieses unangenehme Gefühl immer mehr die Macht über mich. Ich werde wieder ein kleines Stück freier.

Wenn ich heute Situationen erlebe, die Scham in mir auslösen, weiß ich, dass Grenzen in mir verletzt werden. Entweder durch mich selbst: Ich wollte wieder einmal der „Größte“ und „Perfekteste“ sein, ein nicht ganz auszurottender Teil in mir, und ich bin wieder einmal daran gescheitert. Oder jemand hat, meist unbewusst oder aus Unachtsamkeit, meine Grenzen nicht beachtet und mich verletzt. Sich verletzlich zu zeigen ist ein guter Weg, um zu Gelassenheit und innerem Frieden zu gelangen, finde ich jedenfalls. Es kann eine gute Übung sein, sich selbst nicht mehr als den „Nabel der Welt“ zu betrachten, achtsam mit sich selbst und anderen umzugehen und ihnen Mut zu machen, ihre Mauern abzubauen, sich ebenfalls zu öffnen.

In diesem Sinne, gute 24 Stunden

Frank, Ostfriesland

 

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