AA-DACH, die Zeitschrift der deutschsprachigen "Anonymen Alkoholiker" erscheint monatlich und kann ausschließlich über unser gemeinsames Dienstbüro in Deutschland bezogen werden. Die Bestelladresse finden Sie am Ende dieses Artikels.

In AA-DACH werden Erfahrungen der jeweiligen Verfasser/Innen mit dem AA-Programm (Schritte, Traditionen, Meetings-Begegnungen, Sponsorschaft etc.) veröffentlicht. Sie stellen keine Stellungnahme der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker dar und können nicht auf AA als Ganzes bezogen werden.

Die kommenden Monatsthemen finden Sie hier: externer Link

"Stolz "
lautete das Monatsthema der Ausgabe vom Juni 2021.

Als Leseprobe aus dieser Ausgabe haben wir folgenden Artikel ausgewählt:

Morsches Holz

In meiner Kindheit in einem kleinen Dorf im Westerwald nahm ich, Eberhard und Alkoholiker, eine Reihe von Bauernregeln und Lebensweisheiten in mir auf, die mich bis heute begleiten. Eines dieser Sprichwörter lautet: „Falscher Stolz – morsches Holz.“ In dieser Form teilten die Handwerker, Bergleute und Bauern, unter denen ich aufwuchs, ihre Lebenserfahrung. Morsches Holz kann von außen durchaus stabil aussehen. Aber es trägt nicht. Bei der ersten größeren Belastung bricht es, ganz gleich, ob es der Balken am Fachwerkhaus oder die Deichsel am Heuwagen ist.

Als ich vor dem Alkohol kapitulierte, wurde mir bewusst, wie wahr diese Erkenntnis ist. Worauf war ich nicht alles stolz gewesen? Ich hatte studiert, einen guten Abschluss erlangt, war Vorstandsmitglied eines internationalen Vereins geworden und sogar wissenschaftliche Hilfskraft in einem Bundesministerium. Doch das, was ich voller Stolz nach außen zeigte, war nur glänzender Lack auf einem völlig maroden Seelenleben. Unter der glatten Fassade verbarg ich ein Bündel von Ängsten, Minderwertigkeitsgefühlen, Verlogenheit und Selbsthass. Auf die Dauer trug das nicht. Bei der erstbesten größeren Belastung brach das Bild, das ich von mir aufgebaut hatte, vor mir selbst und meinen Mitmenschen zusammen. Mein Leben war aus keinem rechten Holz geschnitzt.

Ein neues Leben aus stabilem, gutem Holz zu schnitzen, habe ich dann unter einigen Mühen bei AA gelernt. Darf ich darauf nicht stolz sein? Im Einleitungstext zum Monatsthema weist die Redaktion darauf hin, dass es nicht nur blinden oder falschen Stolz geben kann, sondern auch eine gute Seite, wenn ich die AA-Prinzipien über alles Persönliche stelle. Doch was bleibt übrig, worauf ich stolz sein sollte, wenn nicht meine ausdauernde Arbeit im Programm, meine Selbstdisziplin, mein Dienst in unserer Gemeinschaft? Etwa der Stolz auf meine Demut, dass mir das gelingt, Prinzipien über meine Person zu stellen? Das empfinde ich als einen Widerspruch in sich.

In der klassischen katholischen Kirchenlehre gilt der Stolz als eine der sieben „Todsünden“. Der Stolz ist dem Hochmut, der Selbstgerechtigkeit, der Besserwisserei nah verwandt. Stolz verhindert nach meiner Erfahrung auch in starkem Maße mutige Entschlüsse, um dem Leben eine andere, bessere Richtung zu geben. Stolz mindert meine Bereitschaft, zu vergeben und Fehler einzugestehen. In dem Zitat von Bill aus der Einleitung zum Monatsthema wird darauf verwiesen, dass falscher Stolz „sogar der Dummheit und Gewalttätigkeit einen ehrbaren Anstrich“ geben kann. Da sind wir wieder beim „Anstrich“, dem Lack auf morschem Holz.

Deshalb habe ich für mich entschieden, auf den Stolz ganz zu verzichten. Manchmal kommt mir das Wort noch über die Lippen, gerade unlängst gegenüber meiner Katze Fipsi, die, obwohl zart und zierlich, mit mächtig aufgeplustertem Schwanz ihr Revier gegen einen großen dicken Kater aus der Nachbarschaft verteidigte. Zufällig bekam ich diese Szene mit und sagte ihr, wie stolz ich auf sie sei, dass sie sich nicht habe verängstigen lassen. Aber genauso gut hätte ich sagen können: Ich freue mich riesig, dass du das geschafft hast. Dasselbe versuche ich bei mir selbst und meinen Mitmenschen. Ich bin vor kurzem Großvater geworden und bekam eine Karte mit der Aufschrift: Für den stolzen Opa. Das ist lieb gemeint, aber ich ersetzte mir das Eigenschaftswort stolz durch das Wort froh. Es ist für mich ein Geschenk, eine gesunde Enkelin ins Leben begleiten zu dürfen. Ich bin froh darüber, mit Hilfe der AA-Gemeinschaft trocken und nüchtern dieses Glück zu erleben. Bis heute ist mir unklar, was an meiner Nüchternheit eigene Leistung ist, auf die ich stolz sein könnte, und was reine Gnade, für die ich dankbar bin. Ich grübele darüber auch nicht nach. Aus Dankbarkeit erwächst mir Freude. Worüber ich froh bin, dafür brauche ich keinen Stolz mehr.

Eberhard, Bad Breisig

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