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"Ich fühlte mich bei AA aufgehoben."

Ich wollte alles werden, nur niemals Alkoholikerin. Ich wollte anerkannt sein, geliebt werden, im Mittelpunkt stehen und war oft einfach zu schüchtern. Nach außen konnte ich das teilweise überspielen, aber mit Alkohol ging das wesentlich besser. Es war alles leichter, lockerer und viele Dinge, die mich sonst beschäftigten, machten mir weniger aus.

Das erste Mal so richtig betrunken war ich mit 14 im Italienurlaub.lch trank, damit ich nicht so große Angst vor meinem ersten Kuss hatte. Es ging alles so viel besser. Nur etwas trinken und ich fühlte mich groß und stark. Das Leben war bunter und nicht so eintönig und langweilig. Mit der Zeit trank ich immer mehr. Oft auch alleine zu Hause im Partykeller. Oder ich versuchte Freunde zu animieren, mit mir zu trinken.

Damals spielte ich in einer Feuerwehrkapelle und es war kein Problem, dort immer an Alkohol zu kommen. Einmal uferte es richtig aus als wir auf einem mehrtägigen Besuch in der Lüneburger Heide waren. Ich wachte morgens bei meiner Gastfamilie auf und mein Dirndl war am Saum zerrissen und ganz grün. Nur vage konnte ich mich daran erinnern, was geschehen war und es war mir peinlich. Die Mannschaft begrüßte mich mit meinem neuen Spitznamen .Promilla" und ich wäre gerne im Boden versunken. Andererseits war es aber auch toll so im Mittelpunkt zu stehen. Jedenfalls trank ich weiter um die Scham wegzudrücken.

Mit der Zeit wurde das Trinken immer mehr. Ich war nicht mehr in der Lage richtig zur Schule zu gehen und schwänzte sehr oft, da ich einfach keine Lust mehr hatte. Oft wünschte ich mir abends einzuschlafen und nie mehr aufzuwachen. Meine Leistungen in der Schule wurden immer schlechter. Freitags ging ich nicht hin, da für mich oft schon das Wochenende begann und montags kam ich einfach nicht hoch.

Tagsüber am Wochenende saß ich oft apathisch auf meinem Bett: Nicht in der Lage aufzustehen, zu essen und oft schaffte ich es auch eine ganze Stunde lang mit der Zigarette in der Hand dazusitzen und sie nicht anzuzünden. Am Ende des Schuljahres bin ich vom Gymnasium gegangen worden. Meinen "Quali" hatte ich kurz vorher extern irgendwie total betrunken während der Kirchweihzeit geschafft. Ich hatte für die Zukunft nichts geplant.

Als ich im Mallorca-Urlaub vor lauter Trunkenheit meine Mutter verprügelte und dann ins Bett pinkelte, hatte sie die Nase voll von mir. Sie machte mir zur Auflage in Therapie zu gehen; wenn nicht, würde sie mich hinausschmeißen. Da ich nicht auf der Straße leben wollte, fing ich an mich zu kümmern. Ich ging in eine Therapie. Für mich heute die beste Entscheidung. Ich musste zur Blutabnahme und saß dann einem Arzt gegenüber, der mir mitteilte, dass mein Gamma-GT zu hoch wäre und ich doch bitte die Anonymen Alkoholiker, die im Haus ihre Gruppe hatte, aufsuchen sollte. Für mich war das eine einmalige Angelegenheit.

Ich ging in die Gruppe und alle waren sehr freundlich zu mir. Ich erzählte auch sehr viel von mir und fühlte mich dort sehr wohl. Doch als es dann hieß, dass ich das erste Glas stehen lassen und nie wieder etwas trinken soll, kam das für mich nicht in Frage. Ich war doch erst 18 und da kann man doch noch keine Alkoholikerin sein. Also sagte ich, dass ich mit Alkohol wirklich kein Problem hätte und ging drei Wochen lang nicht mehr hin.

Freunde in der Therapie drängten mich doch noch mal mit ihnen zu AA zu gehen, und ich tat ihnen den Gefallen. Ich bemerkte schon, dass meine Geschichte sich mit den Geschichten anderer vergleichen ließ. Auch wurde mir bewusst, dass ich nie nur ein Glas trinken wollte, sondern immer so viel, bis ich nichts mehr mitbekam und so richtig besoffen am Boden lag.

Nun hatte ich ein riesengroßes Problem: plötzlich nichts mehr trinken zu "dürfen". Der Alkohol war doch mein bester Freund, mein Ein und Alles, und er machte, dass mir alles egal war. Andererseits brachte er mich in Schwierigkeiten. Ich wusste nicht mehr was ich tat, ich erkannte Leute nicht mehr, die ich angeblich kennen sollte, ich hatte furchtbare Tobsuchtsanfälle und demolierte die Wohnung, ich konnte nicht mehr in die Schule gehen, hatte Ärger mit den Men- schen, die ich liebte und ich würde auf der Straße wohnen müssen.

Dies alles wurde mir allmählich klar, als ich immer öfter die Meetings besuchte. Ich fühlte mich bei AA aufgehoben und sah sie als meine Wahlfamilie an. Dort war es in Ordnung, ob ich kam oder nicht kam. Niemand machte mir Vorhaltungen oder Vorschriften. Kannten doch alle das Thema viel zu gut. Ich hatte das Gefühl, endlich nach Hause gekommen zu sein.

Als ich aus der Therapie entlassen wurde, suchte ich sofort die nächste AA-Gruppe auf. Meine Psychologin von damals war gar nicht begeistert, dass ich zu den Anonymen Alkoholikern ging, da ich ihrer Meinung nach zu jung für die Gruppe sei. Sicher war ich mit 18 Jahren mit Abstand die Jüngste. Aber es ist keine Frage des Alters und es ist keine Frage der Menge, auch ist es keine Frage, was ich getrunken habe, nur Bier, nur Wein, nur Sekt oder Härteres. Es ist ganz einfach nur die Frage der Abhängigkeit. Kann ich aufhören oder nicht? Kann ich darauf verzichten oder nicht? Nun bin ich 30 Jahre alt und bin seit 12 Jahren trocken.

Heute bin ich froh und dankbar, dass ich AA kennengelernt habe. Spaß haben, Party machen, nüchtern, ohne Alkohol und am nächsten Morgen aufwachen und sicher wisisen, dass es nichts gibt, was ich nicht mehr weiß und ich mich auch für nichts mehr schämen muss.

 

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Homepage aktualisiert am: 19.11.2017

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